Entstehung Mittwinterbräuche

Broschüre Mittwinterbräuche  [PDF, 5.00 MB]

Der Ursprung unseres Brauchtums reicht in archaische Zeiten zurück und liegt im Dunkeln. Entstanden ist es wohl, als die Alemannen vor rund 1500 Jahren das Mittelland besiedelten. Ihre germanischen Traditionen durchmischten sich mit den Sitten und Bräuchen der ortsansässigen Kelten. Heidnisches traf später mit Christlichem aufeinander, als die Alemannen christianisiert wurden. Doch Aberglaube und heidnisches Brauchtum überlebten. So liegen auch unseren Bräuchen verschiedene Ursprünge zugrunde: Die Namen geben dem Brauch bisweilen einen christlichen Deckmantel, während die Ausführung oft alles andere als christlich ist.

In der Mittwinterzeit wurden früher verschiedene Rituale abgehalten: zum Erntedank; zur Sonnwende; zum Fernhalten des unfruchtbaren Winters und der Seelen der Toten, die in den kürzesten Nächten des Jahres die Lebenden heimsuchen; für ein fruchtbares, erntereiches neues Jahr und ein Wiederkehren des Frühlings. Ebenso vielfältig sind die alten Brauchelemente, die sich noch immer in Hallwil vorfinden: Mit Masken und Verkleidungen konnte man selbst in die Rolle der Geister schlüpfen, um dabei das Böse zu vertreiben. Der Lärm der Geisseln, Glocken, Hörner, Räre und Dreschflegel hielten das Böse fern und lockten das Gute hervor; Schläge mit Rossstäubern und Söiblootere galten als glückbringend. Als Dank für die erbrachten Dienste stand den Vermummten gemäss altem Maskenrecht eine Gabe zu. Die Bösen wurden bestraft, die Guten wiederum mit einer Gabe belohnt. Heute stehen bei den Brauchträgern aber Spass, Erhalt der Tradition und das Erleben der Bräuche in der Dorfgemeinschaft im Vordergrund.

Manchmal lassen die wenigen Bräuche, welche bis heute überlebt haben, Parallelen zu den Geschichten aus der Sagenwelt zu und lassen damit deren Ursprünge erahnen. Neben überlieferten Sagen sind Verbote oft die einzigen Hinweise auf das Existieren unserer Bräuche in früheren Zeiten. Die älteste schriftliche Erwähnung für Bräuche in Niederhallwil (so unser früherer Dorfname) stammt von 1828. Die ersten konkreten Beschreibungen gibt uns ein Schüleraufsatz von 1858, in dem ein „lustiger Umzug mit 15 Personen“ beschrieben wird: der Bärzeli. Weitere, detaillierte Aufzeichnungen aller Bräuche sind der Dorfchronik von 1931 zu entnehmen.

1948 waren unsere fünf Mittwinterbräuche ernsthaft vom Zerfall bedroht. Kaum jemand mehr klöpfte mit der Chlausgeissel, beim Chlausjage wollten nur noch fünf Knaben anstelle von sechs mitlaufen, weil dadurch dem einzelnen Maskierten mehr Einnahmen zukamen. Das Dreschen wurde seit 1930 nur noch sporadisch durchgeführt, und das Silvester-Feuer auf dem Bruderhübel oberhalb des Dorfes hatte zuletzt 1947 gelodert. Der Brauch, das alte Jahr auszudreschen und das neue Jahr einzudreschen, war um 1900 im Aargau weit verbreitet. Der Bärzeli-Brauch seinerseits wurde von den Schulkindern in spontaner, improvisierter Form gepflegt, nachdem der Brauch mit den traditionellen Maskenfiguren spätestens 1920 verschwunden war. Die meisten Bräuche gab es damals noch in anderen Gemeinden des Bezirks Lenzburg und der Region. So rannten beim Bärzeli in Seengen Chartig, Stächpalmig oder Schnäggehüüslig ebenso herum wie ein Kamel mit reitendem Fräulein in Lenzburg herumtollte. Jud und Pfannedeckler waren weitere illustre Figuren. Bis auf das Chlauschlöpfe, das im Bezirk Lenzburg fest verankert ist, sind die Bräuche in dieser Form alle ausgestorben – ausser bei uns in Haubu.

Junge Dorfbewohner wollten dem Dahinserbeln 1948 Einhalt gebieten. Unterstützt durch Spender aus dem Dorf, klärten sie die Bevölkerung über die einmaligen Traditionen auf und gründeten die Vereinigung zur Erhaltung alter Volksbräuche. Die Initianten waren Hansjakob Suter (Unternehmer), Eugen Hunziker (Gemeindeschreiber) und Willi Urech (späterer Gemeindeammann). Bei der Generalversammlung der Historischen Vereinigung Seetal wurden die Bräuche erstmals in der neuen Form vorgeführt. Seit 1949 haben sie beinahe ohne Unterbruch stattgefunden. Hansjakob Suter war es, der die älteren Dorfbewohner nach den ursprünglichen Traditionen befragt hatte. Suter sollte während der kommenden 40 Jahre als väterlicher Fürsorger des Brauchtums wirken. So kam es 1949 zur Wiedereinführung der sechs alten Bärzeli-Figuren Tannreesig, Stächpaumig, Spielchärtler, Lörtsch, Herr und Jumpfere. Der Hobuspöönig, das Kamel und weitere Figuren stiessen bald dazu, so dass die Gruppe nach und nach auf 15 anwuchs. Bei den Chlausen war ein Samichlaus an die Stelle des Möörech getreten. Diese Ausartung wurde 1949 wieder rückgängig gemacht. Sowohl für das Chlausjage als auch für den Bärzeli gab es fixe Larven aus Papiermaché vom Künstler Hans Schmid aus Wettingen. Die Begleiterinnen des Wiehnechts-Chindli erhielten rosa und blaue Pelerinen. Bisher trugen sie ihre Sonntagskleidung und einen Wintermantel. Ausserdem wurde das Silväschter-Trösche mit dem Silvester-Feuer wiederbelebt. Der Ort des Geschehens wurde beibehalten: Auf dem Bruderhübel wird eine heidnische Kultstätte vermutet. Griffen früher noch die konfirmierten Burschen zu den Dreschflegeln, um nach altem Ritual in die Reihen der Nachtbuben treten zu dürfen, waren es jetzt erwachsene Männer. „Ich hätte es mir nicht träumen lassen, dass dies nun Jahr für Jahr so weitergehen würde“, war aus dem Mund Suters mehrmals zu hören, nachdem die Bräuche entgegen der ursprünglichen Absicht an den gewohnten Daten abgehalten wurden. Suter klagte darüber, dass kein Nachfolger für ihn vorhanden sei.

Ein Chlauswettchlöpfe veranstalteten 1968 zum ersten Mal Rolf Urech und Christian Lüscher, um den Brauch zu retten. Die Chlausen sollten jetzt ihr Können vor einer Jury aus erfahrenen Chlöpfern zeigen. Erwachsene Klöpfer wirkten beim Wettchlöpfe anfangs ausser Konkurrenz mit, heute sind sie fester Bestandteil des Wettbewerbs.

Nach Weihnachten 1990 starb Hansjakob Suter. Er hatte das Fortbestehen der Bräuche ermöglicht und seit 1949 als Garant der richtigen Überlieferung gewirkt. Suter hatte dafür gesorgt, dass den einzelnen Bräuchen kompetente Personen vorstanden. Er pflegte seine Nachfolger stundenlang gewissenhaft über ihre künftigen Aufgaben zu instruieren. Erst 1989 die Brauchtumsvereinigung in eine Brauchtumskommission übergegangen. Material, Requisiten und finanzielle Mittel der Bräuche verwaltet seither die Gemeinde.

Auch neue Elemente sind im Laufe der Jahre zu unseren Bräuchen hinzugetreten. Der Spaghettiplausch und der Neujahrsapéro am Bärzeli haben sich seit 20 Jahren ebenso etabliert wie die wärmende Mehlsuppe mit Punsch beim Silvester-Feuer. Der Zahn der Zeit nagte an unseren Bräuchen: 1984 wurden für die Bärzeli und die Chlausen neue Larven angeschafft, wiederum von den Künstlern Schmid, Vater und Sohn. Die Kleinen Bärzeli, die sich bis 1969 an der Seite der Grossen gehalten hatten, wurden 2003 wieder eingeführt. Im Rahmen einer Neuüberdenkung des Brauchtums bekam vor allem der Bärzeli Änderungen zu spüren: Anstelle einer sturen Einteilung in Grüne und Dürre sollte nun jede Figur sollte ihre individuelle Symbolik inne haben. Als Larven holte man wieder die ausdrucksstarke, ältere Serie hervor. Vorträge über die Bräuche finden an der Primarschule Hallwil seither alle drei Jahre statt: Der Nachwuchs, in dessen Hand die Zukunft des Brauchtums liegt, soll damit motiviert und gefördert werden. 2009 feiern unsere Mittwinterbräuche ihr 60-jähriges Bestehen seit der Erneuerung – eingeschlafen oder abgedroschen sind sie keineswegs: Sie leben rege weiter!