Silväschter

Silväschter-Trösche und Silväschter-Füür

Beim Silvester-Dreschen treffen sich die Einwohner Hallwils beim grossen Silvester-Feuer auf dem Bruderhübel, um die letzte Nacht des Jahres gemeinsam zu feiern. Zwei Bräuche haben sich hier zusammengefunden. Die Drescher, etwa zehn Männer, haben neben einem mächtigen Feuer ein langes Brett positioniert. Nach altem Brauch dreschen sie darauf das alte Jahr aus und das neue ein. Das Dreschen im Takt zu zweit, zu dritt, zu viert, zu sechst oder zu acht erfordert vor allem Taktgefühl. Derweil wärmen sich die Dorfbewohner am hellen Feuer und wünschen sich bei Mehlsuppe und Punsch „es guets Nöis“.

Die beiden Bräuche Silvester-Dreschen und Silvester-Feuer werden von denselben zehn Männern aus dem Dorf durchgeführt. Zwei unter ihnen sind in der Brauchtumskommission vertreten. Die Handhabung des Dreschflegels verlangt den Teilnehmern Geschicklichkeit, Kraft, Ausdauer, vor allem aber Taktsicherheit ab. Ein Flegel besteht aus zwei Holzstielen, die mit einem Lederriemen zusammengehalten werden. Den langen Stiel hält man mit beiden Händen fest und lässt das kürzere Flegelhaupt auf ein Brett niedersausen. In einer Scheune wird übungshalber ab Mitte Dezember gedroschen – zuerst auf Getreidestroh, später direkt auf ein Holzbrett. Der Laden (Holzbühne) misst sechs Meter in der Länge und einen Meter in der Breite. Er liegt auf mehreren ca. 10 Zentimeter hohen Kanthölzern, wodurch ein Resonanzboden entsteht. Das Dreschen mit Flegeln ist eine jahrhundertealte Technik, mit deren Hilfe früher in wochenlanger Arbeit das Getreide ausgedroschen, um die Körner aus dem Stroh herauszulösen. Für den nötigen Rhythmus sorgt bei den einen die Taktsicherheit. Andere wiederum wissen sich mit den überlieferten Dreschersprüchen zu helfen: „Mischtloch“; „drei laam Hünd“; „mer tüend trösche“; „d Chatz het d’Suppe gfrässe, s’Huen het s’Becki broche“; „sibe Jute Rogge jäte und de Rogge ned verträtte“.

Weit schwieriger als leeres Stroh zu dreschen ist das Flegeln auf den Laden, wie es auch in der Silvesternacht geschieht. Beim Aufprall auf das harte Holz springt das Flegelhaupt ab, wird weggespickt und ist deshalb schwieriger im Griff zu behalten. Zudem können geringste Unregelmässigkeiten beim Führen des Flegels oder das Verkanten des Flegelhauptes beim Aufprall einen falschen Ton erzeugen. Zu sechst oder gar „z achte höch“ (zu acht) in einwandfreiem Takt auf harter Unterlage zu dreschen, ist geradezu ein Kunststück.

Die Drescher errichten am Silvester-Tag ein grosses Feuer auf dem Bruderhübel. Das Holz dazu haben sie im Verlauf des Herbsts im Wald gesammelt. Nun wird aus den langen Baumstämmen eine neun Meter hohe Holzpyramide aufgestellt. Mit Rundholz, Ästen, Tannreisig und alten Weihnachtsbäumen füllt man das entstandene Holzgerüst bis oben hin. Reichlich Brennmaterial sorgt dafür, dass nachher ein loderndes Feuer mit starkem Funkenwurf entsteht.

Gegen halb zwölf Uhr nehmen die Hallwiler Dorfbewohner den Weg hoch zum Bruderhübel, einer Anhöhe südwestlich des Dorfes, unter die Füsse. Knapp eine halbe Stunde vor Mitternacht zünden die Drescher den Holzstoss an.Viertel vor zwölf setzt Kirchengeläute ringsum ein. Zehn vor zwölf gehen die Drescher links und rechts des Dreschladens in Position. Unter dem Funkenregen lassen sie ihre Flegel niedersausen, beginnend mit einem kurzen Solo, dann setzt ein zweiter, dritter, vierter Drescher ein. Mit acht Mann ist das Konzert der Drescher-Gruppe komplett. Schauerlich widerhallt der Lärm vom nahen Rieme-Wald. Die Zuschauer lauschen andächtig dem mächtigen Gepolter der Drescher, das den feinen Klang der Glocken übertönt. Sie wärmen sich am knisternden Feuer bei Mehlsuppe und Punsch: ein einfaches, währschaftes Mahl, das ihnen zu später Stunde gereicht wird. Plötzlich bricht der Lärm ab. Es herrscht Stille. Gespannt wartet man auf den Zwölfuhrschlag, der das neue Jahr ankündet. Zuschauer wünschen sich „es guets Nöis“. Sodann setzen die Drescher erneut mit wuchtigen Schlägen ein, wetteifern mit den talein, talaus erneut anhebenden Geläuten. Noch während auch die Drescher den Anwesenden per Handschlag gute Wünsche austeilen, schwellen die Glockentöne ab, ebben aus, das Feuer fällt in sich zusammen. An Neujahr erinnert nur noch ein kleiner Gluthaufen an die vergangene Nacht. Einige Tage nach der Silvesternacht treffen sich die Akteure zu einem Imbiss in einer Wirtschaft.

Silväschter-Trösche und Silväschter-Füür: Mögliche Ursprünge

Silvester-Feuer haben verschiedene Ursprünge. Bei unseren germanischen Vorfahren und anderen Völkern wurde die Wintersonnwend-Feier mit einem Feuer gefeiert. Sie sollte an die Wiederkehr des Lichts und des Frühjahrs erinnern. Weil der Jahresanfang im 16. Jahrhundert von Weihnachten auf Neujahr verlegt wurde, ist denkbar, dass diese Bräuche auf Silvester verlegt wurden. Feuer hat aber weitere Funktionen: Licht vertreibt das Böse, was besonders in den kürzesten Nächten des Jahres Bedeutung hat, wenn die Seelen der Toten im Volksglauben die Lebenden heimsuchen. Das Dreschen, welches das Feuer begleitet, hatte wohl ursprünglich den Zweck, die Fruchtbarkeit zu wecken. Mit dem Dreschen auf Holz, in Analogie zum Dreschen des Getreides, soll eine fruchtbare Ernte herbeigeführt werden. Sinnig ist der Ort des Geschehens: Auf dem Bruderhübel wird eine alte heidnische Kultstätte vermutet.

Chronologie

JahrChronologie
1931 Das Volksfestchen zu Silvester auf demBruderhübel (mit Dreschen und Feuer) findet von nun an nur noch unregelmässigstatt.
1949 Wiedereinführung der beiden Silvesterbräuche.
1966 Zum ersten Mal wird den Dreschern ein Znüni offeriert.
1981 Nach 20 Jahren sind erstmals wieder acht Drescher dabei.
1986 Erstmalige Abgabe von Mehlsuppe und Punsch durch die Vereinigung Pro Hallwil, (später durch die Feuerwehr). Pläne über das Aufstellen eines Festzelts werden verworfen.
1990 Die Hallwiler Silvesterdrescher und weitere Dorfbewohner wirken als Hauptdarsteller in einem Film mit, der für die Schulwarte des Kantons Bern gedreht wird: Ein Getreidebaujahr im frühen 20. Jahrhundert.